19.12.2011   Ein Tangermünder Schiffer baute die Brücken gegen die Franzosen

Die bedeutende Rolle des Kapitäns Johann Friedrich Kolle (1774 bis 1830) während der Befreiungskriege. Von Herbert Riebau

In ärmlichen Verhältnissen wuchs Johann Friedrich Kolle in Tangermünde auf. Als Brückenbauer trug er während der Befreiungskriege dazu bei, Napoleon zu schlagen.

Johann Friedrich Kolle wurde am 14. März 1774 in Tangermünde geboren. Sein Vater war Kürassier und verstarb früh. So hatte die Mutter nur wenig Geld für den Schulbesuch des Jungen. Kolle musste sich schon in jungen Jahren den Unterhalt selbst verdienen. Er arbeitete bei Fischern und Elbschiffern, so dass er sich viele Fähigkeiten eines Schiffers aneignete. Während Schiffsreisen nach Hamburg reifte sein Plan. Matrose zu werden. Ehe er seine Vorstellungen realisieren konnte, wurde er 1792 als Pentonier (Brückenbaupionier) ausgehoben (zum Soldaten bestimmt). So diente er bis 1795 in Berlin. Als er 1795 nach Tangermünde zurückkehrte, wurde er vom Altmärkischen Kürassierregiment in Anspruch genommen, eingekleidet und ausgebildet. Kolle erhielt aber Urlaub um ein Gewerbe als Schiffer zu betreiben und um sich zu verheiraten. Die Schifffahrt, besonders nach Hamburg, betrieb er mit Erfolg bis 1806. Nachdem sich Napoleon in Frankreich zum Kaiser krönte, errichtete er im Zuge des Konfliktes mit England eine Kontinentalsperre gegen englische Waren. Trotzdem gelangten immer wieder Güter ins Landesinnere. Auch Kolle war 1805 am Schmuggel englischer Waren beteiligt. Als zwei Hamburger Kaufleute sieben mit kostbaren englischen Waren beladene Wagen nach Leipzig bringen wollten, konnten sie nicht durch das französisch besetzte Lauenburg an der Elbe fahren. Sie nahmen Kontakt mit dem waghalsigen Kolle auf. Er lud Wagen auf einen Elbkahn und segelte an den Franzosen vorüber. Kolle brachte die Ladung bis Boitzenburg, von wo die Kaufleute unbeschadet nach Leipzig gelangten.1806 kam es zum Krieg mit Frankreich und als Angehöriger des Kürassierregiment musste Johann Friedrich Kolle mit in den Krieg. Er nahm an der Schlacht bei Jena teil, ohne sich besonders auszuzeichnen. Anschließend nahm er in Tangermünde sein Gewerbe als Schiffer wieder auf. Hier erwartete ihn eine schwierige Mission für Hamburger Kaufleute. Diese wollten verhindern, dass Hamburger Schiffe, unterwegs in Richtung Magdeburg, in französische Hände gerieten. Kolle reiste die Elbe aufwärts und fand 32 Schiffe, wovon er 30 retten konnte. Zwei waren bereits einen Tag vor seiner Ankunft in Arneburg von Franzosen requiriert und zum Schleuderpreis von 6000 Taler verkauft worden. Kolle versuchte noch die Schiffe frei zu machen. Die neuen Besitzer der Waren wiedersetzten sich und holten die Franzosen. Nur durch die Flucht auf seinem Pferd entging Kolle der Gefangenschaft. Er gelangte noch unauffällig in das französisch besetzte Tangermünde, flüchtete aber rechtzeitig ehe er erkannt und verfolgt werden konnte. Von den 30 Schiffen wurden noch zwei von Franzosen geplündert. Die restlichen 28 erreichten unbeschadet Hamburg. Hamburg wurde nun auch Wohnsitz von Johann Friedrich Kolle. Er betrieb bis zu den Freiheitskriegen sein Gewerbe auf Elbe und Oder. Im Winter 1812/13 lag er mit seinem Kahn in Berlin fest. Da er auch im Frühjahr das von Franzosen besetzte Spandau nicht passieren konnte, musste er seine Waren in Potsdam ausladen. Um seine Fracht zu holen war Kolle in Berlin unterwegs, als General Tschemischew mit seinen Kosaken einrückte. Durch Zufall machte Kolle dessen Bekanntschaft und Tschemischew stellte ihn in seine Dienste. Er wurde beauftragt einen sicheren Übergang über die Elbe zu finden. So ging er mit 50 Kosaken und einigen Offizieren bei Ferchland über auf das linke Ufer und unbeschadet wieder zurück. Ein zweiter Übergang um nach Tangermünde und Stendal zu gelangen wäre beinahe missglückt. Der Kahn war von französischen Soldaten gefunden und zertrümmert worden. Kolle verlor nicht den Kopf und machte das Schiff wieder flott. Ein Schiffer, der bei der glücklichen Rückkehr geholfen hatte, wurde von Franzosen gefangen genommen. Er sollte in Stendal erschossen werden, konnte aber vom Tangermünder Bürgermeister gerettet werden. Von Kolle erhielt der Schiffer später eine Belohnung für seinen hilfreichen Einsatz.
Eine Schiffsbrücke zwei Meilen unterhalb von Werben
Nun erhielt Kolle den Auftrag Material für eine Brücke zu beschaffen. Er konnte 62 Kähne, acht Fähren und drei Prahmen auftreiben. Weiteres Material (Bretter, Anker, Taue, Ketten) erhielt er durch die Unterstützung des Landrates aus Genthin. Das Vorhaben, die Brücke bei Ferchland zu errichten, wurde aufgegeben. Die Franzosen hatten von diesem Unternehmen erfahren und eine Schanze gegenüber von Ferchland errichtet. Kolle gelang es eine Schiffsbrücke zwei Meilen unterhalb von Werben zu errichten. So konnte ein russisches Korps Salzwedel besetzen und sich an der Eroberung von Lüneburg beteiligen. Das Gelingen des Unternehmens war hauptsächlich der Verdienst von Kolle. Eine Anzeige gegen ihn hatte zur Folge, dass sein gesamtes Vermögen eingezogen wurde. Dagegen wurde er vom russischen Zaren zum Schiffskapitän ernannt und später mit dem Andreasorden dekoriert. Außerdem erhielt er noch 500 Rubel. Die Macht der französischen Behörden war durch die kühnen Streifzüge der Kosaken und der preußischen Freikorps stark erschüttert. Marschall Davoust rückte deshalb mit französischen Truppen an und wollte die russisch-preußischen Streifkorps noch auf linkselbischen Gebiet vernichten. Das dies nicht gelang war wiederum Kolles Verdienst. Er hatte 80 Kähne, acht Fähren und vier Prahmen nach Boitzenburg geschafft und mit diesen eine Schiffsbrücke errichtet. Die preußischen und russischen Truppen konnten so mit 14 erbeuteten Kanonen, 2200 gefangenen Soldaten und 100 gefangenen Offizieren das andere Elbufer erreichen. Nur weil Kolle bei vielen Schiffern und Schiffsknechten bekannt und beliebt war, war es ihm möglich, diese zum Bau der Schiffsbrücke zu bewegen. Kolle war für das erneute Übersetzen von Kosakenkorps bei Dömitz und Dannenberg verantwortlich. Tchernischew war über Arendsee bis nach Salzwedel vorgedrungen, musste aber wegen starker französischer Truppen zurückweichen. Wiederum kehrten sie mit Hilfe Kolles auf das rechtserbische Ufer zurück. Bei diesem Unternehmen konnte Kolle eine Nacht in seiner Vaterstadt verbringen. Als er mit den Kosaken in Tangermünde erschien, wurden sie freundlich aufgenommen und reichlich bewirtet. Anschließend begleitete er die Kosaken gegen Halberstadt, wo sie reiche Beute machten. Die militärische Situation machte einen erneuten Rückzug über die Elbe notwendig. Da die Brücke bei Dessau von Preußen vernichtet worden war, musste Kolle sein Talent erneut unter Beweis stellen. Die Truppen konnten das rechte Elbufer unbeschadet erreichen. Tschernischew vereinigte sich mit den Truppen des Generals Woronzow. Beide Generäle gaben Kolle den Befehl, die Schiffsbrücke nach Randau zu schaffen, wo diese später noch gute Dienste leistete. Die Auseinandersetzungen kamen mit dem Waffenstillstand vorerst zum Ende. Kolle ging mit Tschernischew nach Neubrandenburg, wo ihm dieser die große silberne Verdienstmedaille am Wladimirband zweiter Klasse überreichte. Außerdem erhielt er ein Dankeschreiben des Zaren.
Ich bitte nur um Autorisation, die Schiffe zu versenken
Als sich der Waffenstillstand seinem Ende näherte wurde Kolle der Nordarmee zugeteilt, die unter dem Befehl des Kronprinzen von Schweden stand. Im Kriegsrat erläuterte er, wie die zwischen Boitzenburg und Randau versteckten Schiffe für die Alliierten nutzbar gemacht werden konnten. Wenig später wurde er gefragt, wie die bei Randau liegenden Schiffe vor französischen Angriffen gesichert werden könnten. Kolle erwiderte: „Ich bitte nur um Autorisation, die Schiffe zu versenken und die Gerätschaften möglichst in Sicherheit zu bringen." Ihm wurde dies genehmigt, so dass er sofort von Berlin nach Ferchland reiste. Von dort nahm er den Schiffsbaumeister Lösche und seinen besten Gesellen mit. Zusammen versenkten sie alle Schiffe in Randau. Alle anderen Hilfsmittel wie Balken, Bretter, Taue und Anker wurden in Sicherheit gebracht. Dem Schiffsbaumeister erteilte Kolle den Befehl, die im Plauenschen Kanal ankernden Schiffe zu sichern und gegebenenfalls ebenfalls zu versenken. Kolle selbst begab sich mit Kosaken nach Jerichow, wo er beide Elbufer beobachtete. Nachdem er erfahren hatte, dass französische Truppen von Magdeburg einen Ausfall unternahmen und somit Burg, Genthin und den Plauener Kanal bedrohten, begab er sich dorthin. Er überzeugte sich das die Schiffe versenkt waren. Nachdem sich die Lage wieder beruhigt hatte, wurden die versenkten Schiffe am Plauenschen Kanal gehoben und binnen 48 Stunden flott gemacht. Auch die Schiffe bei Randau wurden gehoben und in betriebsfähigen Zustand versetzt. Alle Schiffe und das notwendige Material wurden nach Rosslau und Aken geschafft. Kaum war Kolle dort am 10. September 1813 angelangt erhielt er den Befehl, unverzüglich eine Schiffsbrücke bei Rosslau zu errichten. Am Morgen begann er mit dem Bau und bereits am Nachmittag überquerten die verbündeten Truppen den Fluss. Mit dem restlichen Material sollte noch eine Brücke bei Aken gebaut werden. Diese wurde allerdings nicht so schnell fertiggestellt, da Material fehlte. Kolle löste aber auch dieses Problem, so dass die restlichen Truppenteile der Nordarmee den Fluss überqueren konnten. Kurze Zeit später baute er eine Brücke über die Saale. Zeit zum Auszuruhen blieb nicht. Kolle erhielt die Nachricht, dass die Franzosen die Schiffsbrücke bei Rosslau verbrannt hätten und die Brücke bei Aken bedrohen würden. Er eilte sofort nach Rosslau und fand die Brücke nur teilweise zerstört vor. Der Schiffer Trüde, der den Oberbefehl über die Brücke hatte, konnte durch umsichtiges Verhalten die völlige Zerstörung verhindert. Unter Kolles Leitung wurde die Brücke wieder hergestellt. Die Franzosen wurden vertrieben und erlitten schließlich bei Zerbst eine Niederlage. Vom Kronprinzen wurde Kolle ins Hauptquartier berufen und erhielt erneut einen wichtigen Auftrag. Am 18. Oktober schlug er eine Brücke über die Pleiße, so dass die Nordarmee erfolgreich an der Völkerschlacht bei Leipzig teilnehmen konnte. So zog Kolle am 19. Oktober mit in Leipzig ein, wo ihn Zar Alexander zu sich rufen ließ, Noch in dieser Nacht musste Kolle nach Weisenfels aufbrechen, um für den Wiederaufbau zerstörter Brücken zu sorgen. Es folge eine Brücke über die Unstrut bei Nebra. Nun wurde Kolle nach Kässei beordert, um dort den russisehen Generälen Winzingerode und Woronzow zur Verfügung zu stehen. Diese erteilten ihm am 2. November den Befehl, die zerstörten Weserbrücken zu reparieren. So eilte er von einer Baustelle zur nächsten und erledigte alle Aufträge. Vom Kronprinzen erhielt er den Befehl, eine Schiffsbrücke bei Boitzenburg zu errichten, wobei er diese Brücke noch vor dem aufkommenden Eisgang sicherte. Auch während der Belagerung der Franzosen in Hamburg bewährte sich Kolle. Er bildete ein Blockadegeschwader aus drei Schaluppen (Küstenfahrzeuge) und einem Schiff, die er mit sechs Kanonen bestückte. So konnte er die Passage nach Hamburg auf dem Seeweg sperren. Er eroberte mit seinen Schiffen einen dänischen Zweimaster. Die Dänen waren mit den Franzosen verbündet und stellten besonders auf See einen starken Gegner dar. Die Dänischen eroberten allerdings ihren Zweimaster zurück und fuhren mit ihm nach Helgoland, damals noch dänisch. Am 20. Januar 1814 sollte Kolle untersuchen, ob Truppen bei Blankenese über die zugefrorene Elbe gehen könnten. Er stellte fest, dass wegen der Ebbe und Flut ein Überschreiten des sechs Zoll dicken Eises nicht möglich war. Gleichzeitig bot er sich an, den Truppen den Übergang zu ermöglichen. Es gelang ihm mit Hilfe von großen Schlitten und Balken. Der Kronprinz sandte Kolle am 31. Januar 1814 nach Bremen, um dort erbeutete Schiffe zu verkaufen. Kurze Zeit später ging er nach Düsseldorf und Köln um den Verbündeten eine Überquerung des Rheins zu ermöglichen. Von dort begleitete er die Truppen nach Frankreich. Am 16. März traf er im Hauptquartier des Kronprinzen in Lüttich ein. Hier wurde er mit der großen schwedischen Medaille und Geld ausgezeichnet. Bereits am 20. März wurde er mit geheimen Aufträgen an Winzingerode und Woronzow abgesandt. Ihn begleiteten Kosaken. Vom preußischen General Bülow hatte er noch eine weitere Begleitmannschaft erhalten. Kolle wäre beinahe in französische Gefangenschaft geraten, konnte sich aber mit seinen Begleitern erfolgreich bis nach Paris durchschlagen, als die Schlacht am Montmatre noch wütete. Mit dem Woronzowschen Korps marschierte er in Paris ein. „Chefs der Nordarmee werden niemals diesen braven Mann vergessen" Die russischen Generäle Woronzow, Winzingerode und Tschernitschew, die hauptsächlich von Kolle profitierten, stellten ihm dem Zaren Alexander vor, der ihn auszeichnete. Vom Kronprinzen von Schweden, den Generälen Tabast, Adlerkreuz, Woronzow, Tschernitschew, Winzingerode und Wallmoden erhielt Kolle je ein Zeugnis ihrer höchsten Anerkennung. Wallmoden schrieb am 22. März: „Ich... bescheinige anmit,... daß der Schiffkapitain Johann Friedrich Kolle, aus Tangermünde, in der Campange von 1813, an der Elbe, mit rastlosem Eifer, Thätigkeit und Aufopferung stets den Dienst der Armee befördert, und durch seine geschickte Leitung bei Uebergängen über die Elbe, Brücken schlagen..., den wesentlichsten Nutzen gestiftet; deshalb er seinem Monarchen und Vaterlande auf das dringendste zu empfehlen..." Das Zeugnis von Woronzow ist noch lobender und datiert vom 16.April: „Ich... bescheinig, daß Vorzeiger dessen, der Schiffskapitain Kolle, der sich, theils um Brücken zu schlagen, theils um die Mittel zu erleichtern, den Marsch der alliirten Truppen zu fördern, während des Krieges von 1813 und 1814 bei der Armee aufgehalten und sich bei allen in sein Fach einschlagenden Gelegenheiten mit einem Eifer und einer Intelligenz benommen, die über alles Lob erhaben ist. Vorzüglich bei Aken, wo der Mangel an notwendigen Materialien ein großes Hinderniß war, hat er sich durch eine seltene und unermüdete Thätigkeit ausgezeichnet; und ihm blos nur allein verdanken wir den schnellen Bau der dortigen Brücke, die so nothwendig war, um die großen Ereignisse bei Leipzig herbeizuführen . . . ., der gerechten Sache zu dienen, gingen selbst soweit, daß er in diesem ganzen Zeitraume , für diese seine Auslagen und Arbeiten weder etwas gefördert noch genommen hat..." Vom schwedischen General von Löwenhjelm erhielt er am 18. April 1814 folgendes Zeugnis: „Ich' ... versichere hiermit: dass Herr Kolle, Schiffscapitän der Nordarmee, dem die Oberaufsicht aller Arbeiten, um Brücken über die Flüsse zu schlagen, welche die Armee passirt hat, übertragen war, dass derselbe für die gerechte Sache mit einem Eifer, einem Unternehmungsgeist und Herzhaftigkeit, ohne den mindesten Eigennutz, über alles Lob erhaben den vereinigten Truppen gedient hat. Er hat alle sein Eigenthum, seine Frau und Kinder in die Hände der Feinde gelassen, um den vereinigten Armeen dienen zu können.... Er hat niemals Belohnungen an Gelde annehmen wollen, die seinen unermüdeten Anstrengungen auch in den größesten Gefahren, denen er sich aussetzte, angeboten wurden; ohnerachtet er aus seinen eigenen Mitteln Summen für den Dienst und seine eigene Erhaltung verwendete, so war es doch nicht möglich, ihn dahin zu bewegen, daß er Geld-Belohnungen annahm. Die Chefs der Nordarmee werden niemals diesen äußerst braven Mann vergessen, und werden ihm Zeitlebens ihre Hochachtung und Erkenntlichkeit erhalten..." Am 27. April 1814 verließ Kolle die verbündeten Armeen und kehrte im Mai in seine Vaterstadt zurück, wo er sein Gewerbe wieder aufnahm. Für seine Verdienste erhielt er vom König Magdeburger Schifferrechte. Als Kolle im Frühjahr 1815 in Hamburg erfuhr, dass Napoleon von Elba nach Frankreich zurückgekehrt war, reiste er so schnell wie möglich zurück. Er meldete sich bei den preußischen Behörden und erhielt vorn Kriegsminister von Boyen den Befehl, sich zum Heer Blüchers zu begeben. Nachdem die Schlacht von Waterloo erfolgreich geschlagen war, traf Kolle am 20. Juni im Hauptquartier ein. Hier wurde er von Blücher und Gneisenau mit offenen Armen empfangen, da sie beide die Verdienste und Fähigkeiten Kolles kannten. Er wurde dem Korps Bülow unterstellt. Da er General Bülow persönlich kannte wurde er mit den Worten: „Wir haben ja schon mehr Brücken mit einander gebaut" empfangen. Dann gab Bülow Kolle seine Befehle: „ Eilen Sie, die Ufer der Seine unterhalb Paris zu untersuchen und stellen Sie womöglich die vom Feinde ruinierten wieder her." So leistete Kolle der preußischen Armee sehr gute Dienste bei der Wiederherstellung von zerstörten Brücken und bei der Überquerung von französischen Flüssen. An den Gefechten vor Paris beteiligte sich der Schiffskapitän auch als tapferer Reiter. Am 4. August erbat er die Erlaubnis in seine Heimat zurückzukehren. Vor der Abreise erhielt er noch eine Audienz beim preußischen König, der sich in Paris aufhielt. Hier bedankte er sich für das erhaltene Eiserne Kreuz und verließ am 16. August Paris in Richtung Heimat. Am 15. September kehrte er nach Tangermünde zurück, wo er sein Gewerbe erneut aufnahm. Durch seine Erfahrungen und sein Ansehen wurde er auch ein erfolgreicher Geschäftsmann. Seinen Hauptwohnsitz hatte er in Hamburg, wo ihm das Ehrenbürgerrecht verliehen worden war. Dort errichtete er mit einem Hamburger ein Schifffahrtsgeschäft, das seine Hauptverbindungen bis nach Prag, Breslau und Berlin hatte. Er erwarb auch in Magdeburg ein Haus, Büro und das Bürgerrecht. Trotz aller hohen Auszeichnungen ist er nicht überheblich geworden. Nur manchmal zu besonderen Anlässen trug er seine russische Kapitänsuniform oder seine Auszeichnungen. Am 24. Juli 1830 starb Johann Friedrich Kolle an den Folgen eines Sturzes. Er wurde auf dem alten Friedhof in Tangermünde bestattet. Als der alte Friedhof in eine Promenade verwandelt wurde, entfernte man auch seinen Grabstein.


14.09.2006     Die Altmark und die Hohenzollern
                             
Nördlich von Magdeburg steht die Wiege des preußischen Staates

Die Ausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" in unserer Landeshauptstadt erinnert derzeit an die Bedeutung Magdeburgs als einstige Kaiserstadt. Aber auch in der Altmark finden sich wichtige Spuren der betreffenden Herrscherhäuser. Das wichtigste von ihnen war wohl das der Hohenzollern.
Von Helmut Maigatter


Altmark. Derzeit stößt die Ausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" in unserer Landeshauptstadt Magdeburg auf großes Interesse. Auch unter der lateinischen Überschrift „Sacrum Romanum Imperium Nationis Germanicea" wird die Entwicklung eines Staatengebildes gezeigt, das von 962 bis 1806 Bestand hatte. Mehrere Herrscherhäuser stellten in dieser Zeit die Kaiser. Mit der Wahl Otto des Großen zum deutschen Kaiser im Jahr 962 begann diese Epoche. Sie endete, als Kaiser Franz II. 1806 die Kaiserkrone niederlegen musste.
Warum aber wurde gerade Magdeburg zum Ausstellungsort gewählt? Die Stadt war eine Pfalz von Kaiser Otto. Er fand auch seine letzte Ruhestätte im Magdeburger Dom. Die Kaiserstadt Magdeburg galt im Mittelalter als das Tor zum Osten und als „Rom des Ostens".
Mitunter wurde Magdeburg auch als „drittes Rom" bezeichnet.
Ein anderer Kaiser, Karolus Quartus (Karl IV.), stammt aus dem Hause der Luxemburger und er war der einzige Herrscher, der auch in der Altmark residiert hatte. Er lebte von 1316 bis 1378, hatte das Königreich Böhmen geerbt, wurde im Jahr 1346 König und im Jahr 1355 zum Kaiser gekrönt. Er war also böhmischer König und deutscher Kaiser. Seine Residenzstadt war Prag. Hier gründete er auch 1348 die erste deutsche Universität, die Karlsuniversität. Auch die bekannte Karlsbrücke über die Moldau erinnert an ihn.
Tangermünde als Residenzstadt
Karl IV, wollte sein Reich, vor allem die Hauptstadt Prag, mit dem norddeutschen Raum und mit der Nordsee verbinden. Deshalb machte er Tangermünde an der Elbe zu einer Nebenresidenz des Hradschin. Am 7. September des Jahres 1373 ritt er mit großem Gefolge durch das Tangermünder Burgtor, eine Szene, an die die Elbstädter jährlich im Rahmen ihres Bugfestes erinnern. Zwischen den Jahren 1373 und 1378 residierte der Kaiser mehrmals in der Stadt. Tangermünde wurde sogar zu seinem Lieblingswohnsitz. Hier ließ er Befestigungen, beispielsweise
den Kapitelturm, erbauen. So wurde Tangermünde zu einem Mittelpunkt der Altmark und zu einer Kaiserstadt.
Im Burggarten steht das Denkmal des Kaisers, der in der einen Hand ein wichtiges Buch und in der anderen eine Geldtasche trägt.
Damit soll zum Ausdruck kommen, dass er auch ein guter Kaufmann war. Das Buch in seiner Linken ist das Landbuch. Es enthält wichtige Eintragungen über die Besitzverhältnisse.
In dem Buch „Bilder aus der Altmark" von Ludolf Parisius und Hermann Dietrichs liest man einen Spruch über den Kaiser,
der früher viel bekannter war:
„De Kaiser Karolus de harr en Pärd, dar was 'ne fahle Stute. Up enem Oge da sach se nich recht, dat annere was rein ute, rein ute, rein ute....".
Infolge diente Tangermünde vielen Markgrafen und Kurfürsten als Residenz. Der erste Hohenzoller in der Altmark war Kurfürst Friedrich I.
(1415 bis 1450). In dessen Regierungszeit wurde das bekannte Neustädter Tor errichtet. Friedrich L, der als Burggraf von Nürnberg in die Altmark kam, hatte vor allem Probleme mit dem „unbotmäßigen Adel" der Altmark, doch gelang es ihm, seine Macht auszubauen.
Drömlingsbauern verteidigten die Heimat
Als Geburtsjahr Preußens kann man das Jahr 1701 bezeichnen. Denn in diesem Jahr wurde der Kurfürst Friedrich III. in Königsberg zum
„König der Preußen" gekrönt. Nahm er in der Altmark Quartier, wohnte er vor allem in dem um 1700 errichteten Gebäude, in dem sich heute das „Hotel Schloss Tangermünde" befindet.
Im Jahr 2001 wurde in Deutschland das 300-jährige Bestehen des deutschen Staates gefeiert. Man darf aber nicht vergessen, dass der brandenburgisch-preußische Staat seine Anfänge in der Altmark, die früher auch als Nordmark bezeichnet wurde, hat. Nicht umsonst wird die Altmark als „Wiege Preußens" bezeichnet.
Die Entwicklung Brandenburg/Preußens zu einer europäischen Großmacht begann unter Friedrich Wilhelm, der mit seinen Truppen in der Schlacht bei Fehrbellin einen Sieg über die Schweden erringen konnte. Seitdem wurde er als Großer Kurfürst bezeichnet. An dieser Verteidigung ihrer Heimat im Jahr 1675 haben auch die Altmärker und vor allem die Drömlinger, einen großen Anteil. So zeugt die alte Bauernfahne in der Kirche zu Dannefeld noch heute von der Kampfbereitschaft der altmärkischen Bauern. Als etwa zwei Jahre später, am 19. April 1677, der Große Kurfürst in Gardelegen übernachtete, zogen die Bauern der Altmark und des Drömlings mit Trommeln und der Bauernfahne an seinem Quartier vorbei.
Friedrich der Große (Friedrich II.) trug mit seinem 1765 erlassenen Urbarmachungsedigt dazu bei, dass auch in der Altmark, vor allem in der Mildeniederung und im Drömling, wertvolle landeskulturelle Arbeit geleistet wurde. Vielerorts findet man auch in dieser Region Baudenkmäler und Wappen, die auf die brandenburg-preußische Vergangenheit hinweisen.
Friedrich Wilhelm II. auf Huldigungsreise  Nachdem der preußische König Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1840 seine Regierungszeit begann, unternahm er im Jahr 1841 eine Huldigungsreise durch das altmärkische Gebiet. Im „ Altmärkischen Intelligenz -und Leseblatt" aus dem Jahr 1841 kann man seitenlang über den Besuch des Preußenkönigs in der Altmark lesen. So erfährt man, dass „Seine Majestät" am 25. Mai des Jahres 1841  unter der Geläut aller Stendaler Glocken in der Metropole eintraf. Er kam an diesem Tag in einem offenen Sechsspännerwagen von Potsdam über Brandenburg, Genthin und Tangermünde in die Altmark, wo er begeistert empfangen wurde. Am 26. Mai weilte der König in Tangermünde. Dort bestiegen die hohen Gäste ein Dampfschiff, um von der Elbe aus die alte Kaiserstadt zu betrachten.
Die Reiseroute Seiner Majestät führte dann weiter durch den Osterburger Kreis. Der Landkreis Gardelegen war schließlich der letzte,
der königlichen Besuch erhielt. Bei Kobbelitz, heute zur Gemeinde Kusey gehörend, erreichten die Gäste das Gebiet des Landkreises Gardelegen.
Hier hatten sich die Bewohner des ehemals hannoverschen Fleckens Clötze aufgestellt, um den König zu begrüßen. Von hier aus führte der Weg über Röwitz, Köckte, Dannefeld nach dem Taterberg. Seine Majestät war von der Landschaft des Drömlings sehr beeindruckt und verweilte an der Taterberger Ohrebrücke, um die herrliche Landschaft mit ihren zahlreichen Gräben und Kanälen zu genießen. In Dannefeld besuchten der König und sein Gefolge, dazu gehörten seine königliche Hoheit Prinz Karl und der Oberpräsident der Provinz Sachsen, die Dorfkirche. In ihr betrachteten sie interessiert die alte Bauernfahne aus dem Jahr 1675. Über Bergfried, Niendorf und Weddendorf ging es weiter in Richtung Oebisfelde. Schließlich wurde das Schloss Wolfsburg erreicht, in dem der König übernachtete. Nach zahlreichen Huldigungen und Ansprachen im Schloss ging es am folgenden Tag wieder durch den Drömling über Bösdorf, Rätzlingen, Miesterhorst, Mieste, Wernitz und Solpke bis Weteritz.
In Gardelegen waren es vor allem die mittelalterlichen Bauwerke in Backsteinbauweise, für die sich der König interessierte. Auch der Bau der neuen Chaussee von Magdeburg über Gardelegen und Salzwedel nach Lüneburg und das Jagdschloss in Letzlingen wurden besichtigt. Erst dann war die Reise durch die altmärkischen Landkreises beendet. Alles in allem, so kann man weiter lesen, war es eine wahre Huldigungsreise. Denn überall bewiesen die Altmärker ihre Treue zum preußischen Königshaus, zum Hause der Hohenzollern.
Der Kaisersohn zu Besuch in  Dannefeld  Reichlich acht Jahrzehnte später, es gab keinen deutschen Kaiser mehr, war wieder ein Hohenzoller zu Gast in der Altmark. Es handelte sich um Prinz Oskar, ein Sohn des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Die Gemeinde Dannefeld hatte ihn eingeladen, damit er an den Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der Dannefelder Bauernfahne teilnehmen kann. Vaterländische Verbände, beispielsweise die Kriegervereine, waren angetreten, um den hohen Gast zu begrüßen. Prinz Oskar überbrachte die Grüße seines Vaters, der nach seiner Abdankung in Holland lebte. Kranzniederlegungen, Aufmärsche und patriotische Reden belebten den nationalen Geist.
Immer stand die alte Bauernfahne von 1675 im Vordergrund. Neben dem roten brandenburgischen Adler enthält sie die Aufschrift:
„Wihr Bauern von gering Guth dienen unsern Genädigen Churfürsten und Herrn mit unsern Bluth."
Kaiser Wilhelm II. war der letzte Herrscher aus dem Hause der Hohenzollern. Er musste 1918 abdanken, als die Republik ausgerufen wurde.
Der Kaiser floh nach Holland und wohnte dort im Schloss Doorn, wo er sich mit dem Holzhacken beschäftigte und 1941 verstarb.
Otto von Bismarck, der sich immer als Altmärker fühlte, sagte einmal: „Hier in der Altmark wurde das Samenkorn gepflanzt, aus dem der herrliche Bau des deutsche Reiches ... entsprossen ist ..." Er sagte weiterhin, dass von der altmärkischen Heimat aus die Kraft und der Anstoß zur Wiedergeburt des Deutschen Reiches, ausgegangen sind. In der Tat erinnert in der Altmark noch so manches an die Jahrhunderte, in denen die Hohenzollern regierten: Burgen und Burgruinen, Stadtmauern und Stadttore, Kirchen und Kapellen. Sie erinnern auch daran, dass aus der ehemaligen Nordmark unter Albrecht dem Bären die Altmark entstanden ist, aus der schließlich der preußische Staat hervorging.


24.10.2005     Balkeninschriften in der Altmark


Noch zahlreiche Hausinschriften sind in Meßdorf bei Bismark zu finden. Folgendes ist über einer alten Hofeinfahrt zu lesen:
„Las mich alles thun im Leben, Und nicht sorgen allzusehr, Noch im Mangel mich besühen, gib Segen mehr und mehr".
Foto: Birgit Schulze

„Gott schuetze dieses Haus vor Not und Feuer, vor Sozialismus und der Steuer"

Von Helmut Maigatter
Altmark.
Balkeninschriften, sind noch häufig in vielen altmärkischen Orten zu finden. Sie erzählen uns viel über die Gebäude, aber auch über die Bewohner. „Wer will bauen an Straßen und Gassen muss die Leute reden lassen." - ist an einem Haus in Gardelegen zu lesen. Etwas anders lautet der Spruch in Wernigerode:
„Häuser entstehen an Straßen und Gassen - man soll die Klugen reden und die Narren tadeln lassen."
Ein weiterer Spruch bringt eine alte Weisheit zum Ausdruck:
„Ohne Denken und Sinnen, musst Du nichts beginnen."
Im niedersächsischen Celle, einer Stadt mit hervorragenden Fachwerkbauten, ist zu lesen:
„Nich snacken - taupacken" oder auch „FREDE ERNEHRET - UNFRIDE VERZEHRET (1646).
Es gibt noch eine Vielzahl von Fachwerkgebäuden, die mit solchen sinnigen Inschriften versehen sind.
Man findet Inschriften vor allem in den Balken an der langen Vorderfront der Häuser. Oft sind sie auch mit einem Heilszeichen, wie einer Sonne oder einem Stern, versehen. Einige dieser Sprüche sind sogar aus dem Holz herausgearbeitet. Sie sind erhaben dargestellt. Andere wiederum sind in die Eichenbalken eingeschnitten. Mitunter findet man auch am Ende eines Balkenspruches die Worte „Anno Domini" - Im Jahre des Herrn. Sie stehen auch abgekürzt als „A.D." oder „a.D.". Auf diese Weise erfährt der Betrachter das Baujahr des Hauses und somit das Alter. Manche Gebäude verraten durch ihre Balkeninschrift auch den Namen des Bauherren „BH" und den seiner Frau „BF" - also Baufrau. In einigen Gebieten der Altmark war es darüber hinaus üblich, den Namen des Baumeisters „BM" zu erwähnen. Im Drömling beispielsweise taucht öfter „BM Blickwedel" auf.
Viele der Sprüche sind Textstellen aus der Bibel. Plattdeutsche Inschriften sind allerdings kaum zu finden, obwohl die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten vor allem auf dem Lande vorwiegend plattdeutsch gesprochen haben. Eine Ausnahme ist an einem alten Fachwerkhaus in Gardelegen zu finden:
„GLOVE LEVE TRUEE EHRE SCHLOPEN LEIDER ALLE VEERE 1685".
Eine andere plattdeutsche Aussage lautet:
„DE DOKTORS UN DE AV-KATEN BLIWEN BUTEN" - Die Ärzte und die Advokaten bleiben draußen.
Eine lateinische Inschrift findet man in der Fachwerkstadt Stollberg im Südharz:
„carpe diem et re-spice finem" - Nutze den Tag und bedenke das Ende.
Früher waren es vor allem die Lehrer, also die Schulmeister oder Köster, die das Ausgestalten der Balken übernahmen. In einigen Gebieten, so beispielsweise im Hans-Jochen-Winkel im Nordwesen der Altmark, schnitzten auch die Dorfmusikanten die Sprüche in die Balken oder stellten sie erhaben dar. Unter den vielen Inschriften findet man einige originelle Texte.
An einem Haus, in dem der Ortsschulze wohnte, kann man lesen:
„Hier wohnt der Herr Schulze, mit Ehren zu sagen, er muss sich mit Bauer und Edelmann plagen." Zum Hintergrund: Der Dorfschulze hatte die Interessen des Adels wahr zu nehmen, er musste aber auch für die Bauern sorgen.
Bäuerliche Weisheiten in Holz gehauen
Auch über die teilweise tragischen Hintergründe, die zum Hausbau führten, berichten die Buchstaben in den Balken. So ist über der Hoftür einer ehemaligen Gaststätte in Dannefeld zu lesen:
„Mein erstes Haus ist abgebrannt/Der Thäter ist noch nicht bekannt/ Gott aber kennt den Thäter schon/Der wird ihn auch dafür belohn".
Ein ähnlichere Spruch lautet: „Ich baue nicht aus Lust und Pracht, Ein Bösewicht hat mich dazu gebracht."
Es gibt selbstverständlich auch positive Gründe:
„Durch Gottes Huld und großen Erntesegen konnte ich den Grund zu dieser Scheune legen" - ließ ein Bauer im Balken eintragen.
Da die Altmark früher ein rein agrarisches Gebiet war, beziehen sich viele Balkeninschriften vor allem auf die Landwirtschaft.
Man findet  Sprüche wie „Willst Du von die Kuh gut buttern, musst Du aus dem Schrotsack futtern".
Ein anderes Beispiel:
„Eine Scheune voll Getreide, viel Vieh auf der Weide und Früchte im lieben Vaterland, das erhält den fleißigen Bauernstand".
„Alle Morgen früh heraus" war über einem Pferdestall zu lesen. Aber auch: „Bauer, weck mich nicht zu früh". Gute Pferde waren der Stolz eines jeden Bauern. So kann man auch diesen Spruch verstehen: „Wer will gute Pferde haben, der muss keine Körner sparen. Füttre gut, putze gut, so sind auch die Pferde gut."
Einige Inschriften weisen auf menschliches Verhalten hin: „Wenn du gehst aus diesem Haus, Was dir vertraut, nicht plaudre aus" oder: „Wenn Laub und Gras wüchse wie Neid und Hass, Wie gut wäre das".
Aber auch Sprüchlein dieser Art sind zu lesen: „Wo ist wohl der Mensch zu finden, der da lebte ohne Sünden?" - So wurde, wie kann es anders sein, der Balken einer Gaststätte geschmückt.
An einem Wirtshaus im Drömling ist diese Bitte zu finden:
„Gott schuetze dieses Haus vor Not und Feuer, vor Sozialismus und der Steuer (1993)"
Auch ohne die Jahreszahl kann sich jeder denken, dass es sich hier um eine Inschrift jüngeren Datums handelt.
 

Erhaben herausgearbeitet:
Die Jahreszahl an einem Fachwerkhaus in der Tangermünder Kirchstraße, umgeben von aufwendigen Verziehrungen.
Foto: R.-M. Wienecke




Typisch für eine Gaststätte: „Hopfen und Malz Gott erhalt's"
Foto: Helmut Maigatter


 

24.10.2005     Aus der Geschichte der altmärkischen Fischerei


Vom vielen Lachs hatten Knechte die Nase voll

Die Fischerei hat in der Altmark eine lange Tradition. Teilweise lebten ganze Dörfer von den Früchten der Flüsse und Seen.

Von Frank Schmarsow
Altmark.
An den altmärkischen Gewässern hatten sich schon in sehr frühen Zeiten Fischer angesiedelt. Es entstanden regelrechte Fischerdörfer beziehungsweise -ortsteile. Ihre Bedeutung als solche haben sie längst verloren.
So lebten in Tangermünde einst viele Familien von der Fischerei. Daran erinnern noch heute das „Hühnerdorfer Tor", der „Kiez" und die „Fischerstraße". Nach der Unterwerfung der altmärkischen Wenden wurden ganze wendische Familien in so genannte Kieze zwangsumgesiedelt. Der Name leitet sich aus dem Slawischen „chyzu" ab, was soviel wie Hütte oder Strohhütte bedeutet. Dort verdienten sie nun als Fischer ihren Lebensunterhalt.
Ähnliches ist aus Werben zu erfahren. Pastor Ernst Wollesen schrieb in seiner Werbener Chronik über die ältesten Bewohner des Elbestädtchens unter anderem: „Schon zu Ende des zwölften Jahrhunderts ist die slavische Bevölkerung vor dem Andrange der deutschen Einwanderung so sehr zurückgewichen, dass vom 13. bis 15. Jahrhundert nur höchst ausnahmsweise irgend eine Erwähnung von Slaven geschieht. Ihre Hauptbeschäftigung wird in der Fischerei bestanden haben; siedelten sie sich sonst in einer Art von Vorstadt an ..., so mögen sie hier in der „Fischerstraße", der der Elbe am nächsten gelegenen Straße, ursprünglich gewohnt haben." Kurt Maaß berichtete in seiner 2001 erschienenen Chronik über Seehausen/Altmark: „Im Jahre 1663 und danach gab es mehrere gewerbsmäßige Fischer in Seehausen, die im Aland fischten. Sie wurden beauflagt, die Reusen am Ufer auszulegen, um die Strömung und den Schiffsverkehr nicht zu beeinflussen. Im Jahre 1766 brach die Pest unter den Fischen aus. Es wurde das Angeln und Fischen im Aland für eine gewisse Zeit verboten. Bis 1850 waren noch zwei Fischer in der Stadt tätig."
15 Neunaugen am Aschermittwoch
Zur Burg Tangermünde gehörte im Mittelalter das frühere wendische Fischerdorf Kalbau. Die Deutschen enteigneten die Kalbauer Wenden, nannten das Dorf Deutsch-Kalbau und machten dessen wendische Bewohner zu Dienstleuten der Burg. „Zum Weihnachtsabend und zum Aschermittwoch", berichtete das Landbuch Kaiser Karl IV. von 1375, „musste ein Jeder von ihnen mit fünfzehn Neunaugen und am Sonnabend vor Ostern mit Fischen für je zwei Pfennig Werth in der Burgküche antreten. Ferner mussten sie den Brennholzbedarf der Burg auf der Elbe heranfahren und den Markgrafen, so oft es verlangt wurde, über den Fluss setzen. Während der Dienstleistungen wurde ihnen von der Burg Speis und Trank "gereicht."
Eine Art Fischereiaufsicht hatte es schon zur Wendenzeit gegeben. Ein Pritztabel genannter Aufseher (slawisch pristavu) achtete in seinem Aufsichtsbereich darauf, dass die Fischfanggeräte wie Netze, Reusen und Aalkörbe den Vorschriften entsprachen, die Grenzen der abgesteckten Reviere nicht verletzt und die Wehre nicht verändert wurden. Auch die Bezeichnungen vieler Fischarten wie Güster, Karausche, Plötze, Blei, Schmerlen, und Rapfen gehen auf slawische Einflüsse zurück.
Obwohl die Zahl der Arten des „Schuppenwildes" in der Elbe mittlerweile wieder zugenommen hat, war dieser Fluss vor etwa 200 Jahren noch bedeutend fischreicher als heute. Damals war der Fang von Lachsen, Stören, Schnäpeln (eine Felchenart, die in der Nord- und in der Ostsee lebt, aber in Süßwasserflüssen laicht), Neunaugen und anderen Flussfischen bei Tangermünde, Arneburg und Werben kein Glücksfall. Die Fischerknechte verlangten zum Beispiel von ihren Brotgebern, ihnen zu den Mahlzeiten nicht öfter als zweimal die Woche Lachs vorzusetzen. Den Schnäpel fing man sogar im Tanger, verkaufte ihn frisch oder geräuchert. Will man den Beschreibungen Bekmanns glauben, so soll es im Jahre 1713 in der Elbe besonders große Alande gegeben haben, wohlschmeckender als Zander.
In seinem Aufsatz „Des Altmärkers Eigenart und altmärkische Bauernart" schrieb der Meseberger Lehrer Wilhelm Schmidt bereits 1912 über die allgemeine Lage der Elbfischerei in jener Zeit, dass sie „durch die Stromregulierung ungünstig beeinflusst worden" sei: „Mancher tote Arm, manche kleine geschützte Bucht, die den Fischen zum Laichen diente, wurde hinweggeräumt", beklagt er. „Gerade diese, von dem lebhaften Verkehr bisher verschonten Gebiete des Stromes wurden von den laichenden Fischen aufgesucht." Auch die kleineren Wasserläufe sollen Überlieferungen zufolge früher wesentlich fischreicher als heute gewesen sein. Mit Sacknetzen, Weidenkiepen, Körben und ähnlichen Behältnissen fingen die Bewohner der Flussniederungen noch im 19. Jahrhundert Fische in größeren Mengen. „Der Hecht wurde überall gefangen", berichtete Schmidt, „der Aland besonders in der Biese, die Forelle in den Bächen des Salzwedeler Kreises, die Schmerle in der Milde und Uchte." Beute der Fischer wurden außerdem Fischarten wie Karpfen, Blei, Brasse, Aalraupe, Flussbarsch, Zander, Kaulbarsch, Schleie, Karausche, Plötze und Weißfisch.
Eine Möglichkeit, Geld in die Kasse zu bekommen, sahen viele Gemeinden, die die Fischereigerechtigkeit besaßen, darin, ihre Fischgründe zu verpachten. Anfangs waren sowohl die Pächter als auch die Verpächter zufrieden. Dann allerdings nahm die Fischwilderei zu und der zuvor so gepriesene Fischreichtum ab. Dazu kam, dass in den Jahren 1860 bis 1872 auch die Uchte und der Aland sowie einige Jahre später die Biese reguliert wurden. Ebenso wie in der Elbe hätten auch diese Maßnahmen, so der Meseberger Lehrer, zur spürbaren Verringerung des Fischbestandes geführt, wodurch auch der Pachtpreis gesunken sei.
Wohlschmeckender Fisch aus dem Arendsee
Der Arendsee soll schon früher für seine vielen und wohlschmeckenden Fische geradezu berühmt gewesen sein. Die Gemeinde Zießau hatte bereits vor mehr als 150 Jahren den Arendsee in Erbpacht und den halben See an einen Berufsfischer unterverpachtet. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts fing man dort in den Hauptfischzeiten Frühjahr und Herbst bis zu 16 Pfund schwere Hechte, stattliche Aale, bis zu dreieinhalb Pfund schwere Barsche, sechs bis sieben Pfund gewichtige Schleie, lohnenswerte Plötzen und Rotfedern. Heute ist der Arendsee besonders durch seine Maränen, einer Felchenart, über die Altmark hinaus bekannt.
 

Mit dieser Skulptur erinnert Arneburg an seine Vergangenheit als Fischerstädtchen. Foto: Frank Schmarsow