Die Pfarrkirche St. Stephan
und ihre Umgebung

Das Stephanspatrozinium führt zurück bis in das frühe 9. Jahrhundert. Damals entstand das Bistum Halberstadt, zu dem auch die südöstliche Altmark mit Tangermünde gehörte. In dieser frühen Zeit wurden eine ganze Reihe von Kirchen nach dem Schutzpatron des Bistums benannt. Für Tangermünde ist allerdings eine so frühe Stephanskirche bis heute nicht nachgewiesen. Zwischen 1184 und 1188 ließ dann Heinrich von Gardelegen, ein Enkel Markgraf Albrechts des Bären, hier den Bau einer Domstiftskirche ausführen in der Absicht, Tangermünde zum Sitz eines noch zu gründenden Bistums zu machen. Doch änderte er bald seinen Plan und gründete statt dessen zusammen mit seinem Bruder, Markgraf Otto II., in dem bedeutenderen Stendal ein dem heiligen Nikolaus geweihtes Chorherrenstift. Auf der Nordseite des Langhauses der Stephanskirche erkennen wir zwei hochsitzende rundbogige romanische Fenster. Dieser Teil der Langhauswand war einmal die nördliche Giebelwand des Querschiffes der romanischen Kirche von 1184/88. Auch das kleinere Backsteinformat und Lisenen (schwach vortretende, senkrechte Mauerverstärkungen) weisen in diese Zeit. Stilistisch war diese Kirche der nach 1148 begonnenen Klosterkirche in Jerichow vergleichbar. Wir benutzen jetzt den schmalen Durchgang zwischen dem hohen Chor und der Stadtmauer und gelangen auf den Pfarrhof.

Vor uns ragt die Stephanskirche in ihrer ganzen Stattlichkeit auf. Der Baubeginn der heutigen gotischen Kirche ist umstritten. Möglicherweise fällt er bereits in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts. 1377 ließ sie Kaiser Karl IV. dem Chorherrenstift an der Tangermünder Burgkapelle unterstellen. Zuvor muss sie zur Hauptpfarrkirche der Stadt geworden sein. Die Errichtung des hochgotischen Langhauses, das als dreischiffige Halle angelegt ist, dauerte bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts. Der älteste Teil ist die Nordwand, deren Fenster einfaches Stabwerk zeigen, während die Fenster der Südwand Sandsteinmaßwerk aufweisen, das den Kölner Domfenstern nachgestaltet ist. Zwischen den Fenstern stehen Strebepfeiler, die den Schub der Gewölbe auffangen und ableiten. Die Einwölbung wird um 1400 vorgenommem worden sein. Etwa in der Zeit von 1440 bis 1500 ist der Bau der Westfront erfolgt, die als mächtige Doppelturmanlage geplant wurde.

Über einem Feldsteinsockel streben die beiden Türme zu beiden Seiten eines Zwischenbaues empor. Abgesehen von Ecklisenen, ist die rote Backsteinwand völlig ungegliedert. Erst in größerer Höhe werden durch Gitterfriese die Stockwerke kenntlich gemacht, wobei das oberste als Glockenhaus dient und allseitig gepaarte Schallöffnungen in Spitzbogennischen besitzt. In dieser Höhe endet der Südturm in einem schiefergedeckten Walmdach.
Er wurde wohl niemals vollendet. Der Nordturm trägt noch ein weiteres Geschoß, das durch reich gegliederte spitzbogige Blendnischen belebt wird. Der gotische Helm des Nordturmes wurde erst 1601 fertiggestellt und stürzte bei dem großen Stadtbrande des Jahres 1617 bereits wieder ein. Die heutige barocke Haube stammt aus dem Jahre 1714 und die Uhr aus dem Jahre 1727. Der Turm erreicht eine Höhe von über 87 Metern und ist der höchste Kirchturm in der Altmark. In der Zeit von 1470 bis etwa 1510 fand der Kirchenbau seinen Abschluss in der Errichtung des hohen Chores und durch die Kapellenanbauten auf der Nord-und Südseite.

Das schlichte Äußere des Chores wird durch Ecklisenen gegliedert, und unter dem Dachgesims laufen Friese mit Fischblasenmustern entlang. Die seitlichen Kapellen sollen den Eindruck eines Querschiffes hervorrufen, das in Wirklichkeit jedoch nicht vorhanden ist. Der große Giebel der beiden südlichen Seitenkapellen erhielt zu Ende des 17. Jahrhunderts seine heutige Form im Geschmack der Renaissance. Er wurde damals aus zwei nebeneinanderstehenden spätgotischen Pfeilergiebeln zusammengezogen, die dem unverändert gebliebenen Giebel über der Nordkapelle ähnlich gewesen sein dürften. Der große Dreiecksgiebel zeigt noch heute Pfeiler mit Taubandstäben auf Fratzenkonsolen, wie sie auch noch an anderen Tangermünder Bauten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts vorkommen (Rathaus, Kapelle St. Elisabeth). Der im Osten angrenzende Schleppdachgiebel ist unverändert geblieben. Beachtenswert ist das spätgotische Zwillingsportal, in dessen Tympanon sich eine Maßwerksrosette befindet, die aus Formsteinen, sogenannten Fischblasenmotiven, so zusammengesetzt ist, dass sich das Maßwerk in drehender Bewegung zu befinden scheint. Die mit Krabben besetzte spitzbogige Archivolte ist in eine teppichhafte Fläche aus feinstem Maßwerk hineingestellt. Hier haben Steinformer und Baumeister der ausgehenden Gotik so ziemlich das Höchstmögliche an Schmuckformen gestaltet, was in Backstein erreichbar ist. Am Gewände des Portals findet sich, mehrmals wiederkehrend, einer von vielen verschiedenartigen Ziegelstempeln, die an der Stephanskirche vorkommen. Neben dem Portal tritt rechts ein achteckiger Treppenturm halb aus der Wand heraus. Links steht in einer Flachbogennische eine Sandsteinplastik aus der Zeit um 1490, eine Madonna auf der Mondsichel, daneben der knieende Stifter. Dieses Werk wird ursprünglich in der Kirche gestanden haben. Gekrönt wird der Kirchenbau von einem steil aufsteigenden gotischen Dach, dessen Firstlinie 51,5 Meter misst. Alle Dachflächen zusammengenommen haben einen Flächeninhalt von etwa 5000 Quadratmetern, zu deren Deckung rund 350 000 Biberschwanzziegel erforderlich sind. Man sollte nicht versäumen, in die Kirche hineinzugehen. Sie erfuhr eine Innenrestaurierung, die im wesentlichen 1983 abgeschlossen wurde. Ihre ursprüngliche Ausmalung aus dem 15. Jahrhundert wurde damals freigelegt und wiederhergestellt. Die Kirche zeigt heute wieder weiße Wandflächen, rote Bögen und Wandkanten und schwarzrote Gewölberippen. Außerdem wurden bis dahin unbekannte Deckenmalereien freigelegt: Pflanzengebilde, Köpfe von Fabeltieren, Köpfe biblischer Persönlichkeiten und eine Darstellung der Himmelfahrtsgeschichte. Die zehn Bündelpfeiler im Langhaus, die aus Backstein aufgeführt sind, zeigen starke Anklänge an Hausteinformen, die Einflüsse französischer Kathedralgotik spüren lassen. Vielleicht kamen diese zur Zeit Karls IV. über Prag nach Tangermünde. Dort wurde seit 1344 auf dem Hradschin am St. Veits-Dom gebaut, dessen erster Baumeister der Franzose Matthias von Arras war. Im spätgotischen Chor sind die Gewölbe höher hinaufgeführt als im Langhaus. Der Scheitelpunkt liegt 18 Meter über dem Fußboden, im Mittelschiff des Langhauses dagegen bei 15,40 Metern. Im Chor sind die Pfeiler rund und haben je vier vorgelegte Dienste, die zum Teil tauförmig gedreht sind. Die Fenster sitzen in hohen spitzbogigen Wandnischen, die dadurch entstehen, dass die Strebepfeiler der Außenwände nach innen gezogen sind. In der Zeit von 1480 bis 1510 wurden die Kreuzarme errichtet, die aus Kapellen bestehen. Am Südkreuz befindet sich die Sakristei, die durch eine 500 Jahre alte Tür aus Eichenholz zu betreten ist. Der Türflügel zeigt auf seiner Außenseite drei Nischen. Die mittlere ist kielbogig, und die beiden anderen sind spitzbogig abgeschlossen. Als Schmuck dienen Fischblasenmotive, Paßwerke und eine heraldische Lilie. Neben der Sakristei ist ein Wandbild des heiligen Antonius zu sehen. Der letzte Kapellenbau am Südkreuz ist die ehemalige Schöppenkapelle aus der Zeit um 1500. Sie wird durch ein Sterngewölbe abgeschlossen. An ihren Wänden befinden sich Weihekreuze. Von der ursprünglichen Ausstattung der Kirche ist kaum noch etwas erhalten, da das Schiff im Jahre 1617 ausbrannte. Im Chorumgang sind einige Holzplastiken aufgestellt. Darunter befindet sich, an der Wand hängend, die "Jungfrau Lorenz", eine Tangermünder Sagengestalt. Es ist eine Heiligenfigur des späten 15. Jahrhunderts, die nachträglich auf einen hölzernen Hirschkopf mit echtem Geweih gesetzt wurde. Bis 1831 befand sich das Bildwerk in der Nikolaikirche. Beachtenswert ist ferner die bronzene Taufe, die laut Inschrift im Fuß 1508 von dem Braunschweiger Bronzegießer Heinrich Mente geschaffen wurde. Sie steht vor dem Liturgiealtar. Am Bauch des pokalförmigen Taufbeckens befinden sich vier aufgenietete Vollfiguren: Kreuzigung mit Maria und Johannes, Madonna mit Kind, die heilige Anna selbdritt und Stephan, der Schutzpatron der Kirche. Der größte Teil der Ausstattung stammt aus der Zeit nach dem großen Stadtbrande des Jahres 1617. Kurz danach entstand die hölzerne Empore im nördlichen Seitenschiff. Sie zeigt an ihrer Brüstung eine Reihe von Feldern mit biblischen Darstellungen, darunter jeweils der Name des Bürgers, der das Bild gestiftet hat, außerdem sein Familienwappen oder seine Hausmarke. Eine hervorragende Arbeit ist die frühbarocke Kanzel aus feinem weißen Sandstein und Alabaster. Sie gehört in das Jahr 1619 und gilt als eine der schönsten Kanzeln des 17. Jahrhunderts. Getragen wird der sechseckige Kanzelkorb von einer tiefgebeugten Mosesfigur. Die Brüstung des Aufganges zeigt in Feldern folgende Darstellungen: Verkündigung an Maria, die Anbetung der Hirten, die Beschneidung Jesu im Tempel, die Kreuzigung, die Opferung Isaaks, die Aufrichtung der ehernen Schlange und die Grablegung Christi. Die Mitte des Kanzelkorbes zeigt Christus mit der Weltkugel. Die Kanzel wird der Werkstatt des Magdeburger Bildhauers Christoph Dehne zugeschrieben. Die Orgel stammt aus dem Jahre 1624 und wurde errichtet mit Hilfe der Stadt Hamburg. Sie ist ein Werk des namhaften Hamburger Orgelbaumeisters Hans Scherer d. U.. Das Orgelgehäuse zeigt einen großartigen Renaissanceaufbau. Von den etwa 1900 Pfeifen sind noch über die Hälfte von Scherer selbst gefertigt. Der 12,50 Meter hohe Barockaltar aus dem Jahre 1705 besitzt einen dreigeschossigen Holzaufbau mit mehreren überlebensgroßen Plastiken. Interessant ist die Darstellung Christi als "Löwe aus dem Stamme Juda". Eine größere Zahl noch erhaltener Grabdenkmale und Epitaphien aus dem 15. bis 19. Jahrhundert zeigt, dass es üblich war, Pastoren, Bürgermeister, städtische Beamte und Angehörige bevorrechteter Familien in der Kirche beizusetzen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Grabsteine des 15. und 16. Jahrhunderts mit den Darstellungen der Verstorbenen in der modischen Kleidung ihrer Zeit.